Wir informieren über die
Reflexdystrophie
sekundäre
bzw. symptomatische
und idiopathische Reflexdystrophie
(Viele weitere Schmerzthemen unten auf dieser Seite)
Was bedeutet der Begriff "Reflexdystrophie"?
Ein Reflex ist die automatische (unmittelbare
und unwillkürliche), über das Nervensystem erfolgende (neurogene) Antwort eines Organgewebes (Muskel, Drüse) auf einen Reiz.
Als D ystrophie
werden durch Mangel- oder Fehlernährung bedingte Störungen
und Veränderungen des ganzen Organismus bzw. nur einzelner Körperteile oder
Gewebe bezeichnet,
wobei hpts. die Trophik (= die Ernährung bzw. der Ernährungszustand eines Gewebes, Organs oder Organismus)
betroffen ist.
Bei einer Reflexdystrophie wird demnach ein krankhafter Gewebszustand durch Impulse aus dem Nervensystem hervorgerufen. Das Entstehen, die Herkunft solcher "krankmachender" Nervenreflexe ist bis heute ungeklärt. Das Ungewöhnliche an diesem Phänomen ist, daß selbst bei einer aufwendigen neurologischen Untersuchung kein krankhafter Befund am Nervensystem selbst festgestellt werden kann. Lokal (= am Ort der Erkrankung) liegen allerdings typische Zeichen vor: verändertes Schweißverhalten, Hyperpathie (= Sensibilitätsstörung als Überempfindlichkeit gegenüber allen örtlichen Reizen) bis hin zu Allodynie (= Schmerzempfindung schon bei leichter, normalerweise nicht schmerzhafter Berührung).
Wo kann eine Reflexdystrophie auftreten?
Die Reflexdystrophie kommt ausschließlich im Bereich der Extremitäten (= Arme und Beine) vor, bevorzugt an der Hand im Bereich der Hüfte, des Knie s und des Fuß es.
Was kann eine Reflexdystrophie auslösen (in diesem Falle handelt es sich dann um eine symptomatische oder sekundäre Reflexdystrophie)?
Insbesondere
Verletzungen, selbst geringfügige. Auch nach (fachgerecht durchgeführten)
Operationen kann diese Erkrankung auftreten. Weiter wären örtliche En
tzündungen aufzuführen, ebenso neurologische Erkrankungen. Auch nach einem
Herzinfarkt kann es zu einer Reflexdystrophie kommen. Schließlich können auch
Medikamente, insbesondere bei Langzeitgebrauch, auslösend wirken. Zu nennen
wären hier Tuberkulostatika (=
Mittel gegen die Tuberkulose),
Thyreostatika (=
Mittel gegen Schilddrüsenüberfunktion)
und Barbiturate (=
Beruhigungsmittel).
In etwa 20% der Fälle kann allerdings keine Ursache gefunden werden, man
spricht dann von einer sog. idiopathische n
(=
als krankhafter Zustand selbständig, d.h. ohne erkennbare Ursache, entstanden)
Reflexdystrophie.
Synonyme (= wie die Krankheit sonst noch bezeichnet wird) für die Reflexdystrophie: sy mpathische Ref lexdystrophie, Algodystrophie, komplexes regionales Schmezsyndrom und Sudeck Dystrophie.
In ausgeprägter Form liegt eine Reflexdystrophie bei der S udeck D ystrophie vor, weshalb dieses Krankheitsgeschehen im Folgenden als beispielhaft beschrieben wird.
Die Patienten klagen über diffuse, heftige und
brennende Schmerzen, ähnlich wie bei einer
Kausalgie
(= Schmerzen nach
Nervenverletzung).
Aufgrund der Zirkulationsstörung sind die betroffenen Partien meist bläulich
livide verfärbt und ödematös (=
aufgequollen)
verändert. Beteiligte
Gelenke
versteifen.
Die Art der Gewebsveränderung läßt
an eine lokal begrenzte vegetative Entgleisung denken (Debrunner 1988).
Besonders gravierend ist diese Reflexdystrophie im Bereich der H and, weil sie dort
häufig zur Invalidität führt.
Auf dem Röntgenbild sieht man eine typische, fleckige Osteoporose.
Die drei Stadien der S udeck-D ystrophie (sekundäre bzw. symptomatische und idiopathische Reflexdystrophie):
Akutes
Stadium
Im Vordergrund stehen
Schmerzen, auch in Ruhe, Schwellung infolge eines Ödems
(= krankhafte
Flüssigkeitsansammlung)
und hochgradige Funktionseinschränkung. Die Haut ist rötlich/bläulich
verfärbt und teigig verändert sowie überwärmt.
Dystrophisches (= durch Mangel- oder Fehlernährung bedingte Störungen
und Veränderungen einzelner Körperteile betreffendes) Stadium
Das Gewebe atrophiert (=
schwindet, bildet sich zurück)
und die Schwellung geht zurück.
Schmerz
en lassen nach und die Temperatur im
betroffenen Körperbereich ist herabgesetzt.
Stadium der Atrophie
Kn ochen
und Weichteile sind atrophiert (= haben sich
zurückgebildet), auch
die
Muskeln,
beteiligte
Gelenk
kapseln sind
geschrumpft. Es besteht eine deutliche
Bewegung
seinschränkung. Die Haut ist dünn, blaß, beteiligte
Knochen
sind entkalkt (Röntgenbild! aber unbedingt direkten Vergleich mit der
Gegenseite).
Zur Therapie dieser
Reflexdystrophie (sekundäre
bzw. symptomatische und idiopathische Reflexdystrophie) werden intravenöse Guanethidinblockaden und die Gabe von
Phenoxybenzamin (Dibenzyran®) empfohlen (Thoden 1987). Auch die Gabe von
Calcitonin (= ein Gewebshormon)
soll günstig sein. Uns hat die Wirkung allerdings nicht überzeugen
können.
Als physikalische Therapiemaßnahme eignet sich bei Reflexdystrophie die Ultraschallbehandlung (Thomalske 1991). Auch die
Magnetfeldtherapie
(pulsierende
Signaltherapie)
hat sich als hilfreich erwiesen. gleiches gilt für die sog.
Hochtontherapie.
Die konsequente Anwendung der therapeutischen Lokalanästhesie
(=
Behandlung mit einem örtlichen
Betäubungsmittel)
führt bei einer Reflexdystrophie (sekundäre
bzw. symptomatische und idiopathische Reflexdystrophie) zu beachtlichen Erfolgen.
Für den Bereich der Ar me hat sich die Blockade (=
Betäubung) des
Ganglion stellatum
(= eine
vegetative Schaltstelle im seitlichen Halsbereich)
bewährt, optimal in kontinuierlicher Form mit Katheter**. Auch die
kontinuierliche Blockade des Plexus brachialis mit Katheter**
ist
sehr hilfreich, zumal das Nervengeflecht des Armes reich an vegetativen Fasern
ist, so daß es neben der erwünschten Hemmung der Nozizeption
(= Schmerzreizleitung)
auch zu einer Steigerung der Durchblutung kommt und somit die gestörte
Mikrozirkulation im Schmerzbereich optimiert wird, bei der
Reflexdystrophie eine wichtige Voraussetzung dafür, daß die Schmerzlinderung
auch über den Behandlungszeitraum hinaus anhält.
Im Bereich der Bein e (einschließlich Hüfte) kommen bei der Reflexdystrophie (sekundäre bzw. symptomatische und idiopathische Reflexdystrophie) ebenso kontinuierliche Blockadetechniken** zur Anwendung:
Hü fte: Kontinuierliche Blockade des Pl exus lumbal is mittels N. femoral is-Katheter**
Oberschenkel, Kn ie: Kontinuierliche Blockade des N. femoral is** (periphere Variante)
Unterschenkel (hinten und außen) sowie Fu ß: Kontinuierliche Blockade des N. ischiad icus**
Auch die Ner ven femoral is und ischiad icus führen vegetative Fasern, so daß die erwünschte, sympathikolytische (= gefäßerweiternde und damit durchblutungssteigernde) Wirkung ebenfalls eintritt.
Als nächst höhere Therapiestufe bietet sich bei dieser Dystrophie dann die kontinuierliche peri(epi)durale (= rückenmarknahe) Blockade mit Katheter** an.
Eine Reflexdystrophie erfordert eine längerfristige Blockadebehandlung (mindestens 2 bis 3 Wochen).
Ganz wichtig sind sind bei der
Reflexdystrophie (sekundäre
bzw. symptomatische und idiopathische) therapiebegleitende, intensive krankengymnastische
Übungsbehandlungen (auch Lymphdrainagen).
Hypnoide
(=
bewußtseinsverändernde) Verfahren
wie autogenes Training oder progressive Relaxation nach Jakobson aber auch ein
Schmerzbewältigungstraining sind bei der Reflexdystrophie eine sinnvolle Ergänzung der
Gesamtstrategie.
Bei längerfristig bestehenden, chronischen Schmerzen aufgrund einer Reflexdystrophie ist davon auszugehen, daß bereits ein Chronifizierungsgrad II oder III (Mainzer Stadieneinteilung) vorliegt. In diesen Fällen ist eine rein somatische (= körperliche) Behandlung kaum mehr ausreichend, sondern es müssen zusätzlich psychologisch /psychotherapeutische Interventionen erfolgen.
Erläuterungen:
*
Neue Bezeichnung der International Association for the Study of Pain:
CR PS =
compl ex reg ional pa in syndrome - bzw.:
Kom plexes reg ionales
Schmerzsynd rom
** Bei
der sog. kontinuierlichen Blockade eines Ner ven
mit Katheter wird der dünne
Kunststoffschlauch dicht an Nervengeflechte bzw. den betroffenen Ner ven
eingepflanzt. Die Einpflanzung erfolgt durch eine handelsübliche Kanüle
hindurch, es muß also nicht “aufgeschnitten” werden. In der Folge wird über
diesen Katheter mehrmals täglich, jeweils nach Abklingen der vorangegangenen
Dosis, das örtliche Betäubungsmittel völlig schmerzlos nachgespritzt. In
bestimmten Fällen kann zur Verabreichung des örtlichen Betäubungsmittel durch
den Katheter hindurch auch eine kleine Pumpe angeschlossen werden. Das
Lokalanästhetikum
(=
örtliche Betäubungsmittel) wird bei dieser Behandlung so dosiert, dass die grobe Kraft
erhalten bleibt (bei gleichzeitiger Hemmung der Schmerzreizleitung), damit
begleitend krankengymnastische Übungsbehandlungen möglich bleiben. Dass die
schmerzlindernde Wirkung i.d.R. über die eigentliche Behandlungszeit hinaus
anhält, ist u.a. darauf zurückzuführen, daß bei dieser Blockadebehandlung auch
die sog. vegetativen Ner ven
betroffen sind, woraus eine sehr deutliche
Durchblutungssteigerung und damit Optimierung des lokalen
(= örtlichen)
Stoffwechsels resultiert.
Nach
neueren Erkenntnissen vermag diese intensive Blockadetherapie das sog. Schmerzgedächtnis
löschen, auch bei Schmerzen aufgrund einer Reflexdystrophie.
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