PSYCHOLOGISCHE SCHMERZBEHANDLUNG
Psychologisch/psychotherapeutische Interventionen
bei chronischen Schmerzen
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1. Biopsychosoziales Verständnis chronischer Schmerz en

Da kein psychischer Prozeß ohne somatisches (= körperliches) Korrelat vorstellbar ist, macht eine Unterscheidung von psychogenem (= psychisch verursacht) und somatogenem (= körperlich verursacht) chronischem Schmerz schon theoretisch wenig Sinn (Janke 1976, Flor et Birbaumer 1993).
Die praktischen Konsequenzen dieser Unterscheidung sind für die betroffenen Patienten weitaus schlimmer. Wenn etwa ein als psychogen eingestufter Schmerz vom Behandlungspersonal ausschließlich psychopharmakologisch
(= Arznei zur Beeinflussung der Psyche) bzw. psychotherapeutisch angegangen wird, kann diese Form der Schmerzbehandlung genauso insuffizient (= nicht wirksam) bleiben wie bei einem als rein somatogen klassifizierten Schmerz, der ausschließlich organbezogen (körperlich) behandelt wird.
Biologische, psychologische und soziale Faktoren sind für die Entstehung und Aufrechterhaltung chronischer Schmerz
en verantwortlich zu machen.
Hieraus ergibt sich die Forderung nach einer biopsychosozial ausgelegten Diagnostik und Behandlung aller chronischen Schmerzen.

2. Psychosoziale Diagnostik chronischer Schmerz en

Da die biologisch-somatische Diagnostik chronischer Schmerzen eine Domäne der Medizin ist, geht es im folgenden hauptsächlich um die Erfassung psychosozialer Faktoren.
In aller Regel läßt sich der Schmerzpatient erst auf eine Erfassung seiner mit dem Schmerz zusammenhängenden psychosozialen Belange ein, wenn ihm versichert wird, daß die medizinische Diagnostik deswegen nicht zu kurz kommt.
Selbst eine ausführliche somatische
(= organbezogene) Diagnostik kann den Drang nach einer körperlichen Ursachenfindung seitens des Patienten nicht befriedigen, wenn deren Ergebnisse und Bedeutung ihm nicht ausführlich genug und in einer verständlichen Sprache nahegebracht werden.
Umgekehrt konnten schon oft drastische Schmerzbesserungen allein dadurch erzielt werden, daß unbegründete Befürchtungen, etwa einen unerkannten Tumor zu haben, ernstgenommen und plausibel widerlegt wurden. Selbst die Mitteilung der bitteren Wahrheit über einen malignen Befund ist oft günstiger für die Schmerzbewältigung als die quälende Ungewißheit über das Ergebnis einer durchgeführten Untersuchung.

2.1 Wichtige psychosoziale Faktoren in Bezug auf chronische Schmerzen

Eine Intensivierung des Schmerzerlebens ist u.a. bei Vorliegen eines oder mehrerer der folgenden Faktoren zu erwarten:
Depression, Angst, Ärger, unverarbeitete psychische Traumata
(= Wunden, Verletzungen) im Zusammenhang mit der Schmerzentstehung, ausgeprägtes Schmerzverhalten, fehlender oder dysfunktionaler (= nicht angepaßter, falscher) Einsatz kognitiver (= das Erkennen, Wahrnehmen, Denken,  betreffend) und verhaltensbezogener Schmerzbeeinflussungstechniken (z.B. Katastrophisieren, mangelnde Ablenkung durch sozialen Rückzug, geringes Aktivitätsniveau, mangelhafte Entspannungsfähigkeit, usw.), Streß, bewußtes oder unbewußtes Vermeiden von Unangenehmem durch das Schmerzverhalten und bewußtes oder unbewußtes Erlangen von Verstärkern durch das Schmerzverhalten (z.B. Geld, Zuwendung, usw.).

Der Fokus bei der Erfassung psychosozialer Anteile sollte nicht auf deren Beteiligung an der Genese (= Entstehung) der chronischen Schmerzen gerichtet werden, sondern auf die schmerzaufrechterhaltende Funktion. Dies hat vor allem zwei Gründe (vgl. Kanfer, Reinecker et Schmelzer 1991):

1.     Die Analyse der die Schmerzen aufrechterhaltenden Bedingungen ist für die Therapieplanung unmittelbar handlungsrelevant.

2.     Eine exakte Rekonstruktion der psychosozialen Auslösebedingungen wird mit dem Fortschreiten der Schmerzdauer einerseits immer unwahrscheinlicher, andererseits ist deren Kenntnis für den Therapieerfolg weder notwendig noch hinreichend.

Eine hohe Ausprägung der affektiven (= das Gefühlsleben betreffenden) Schmerzempfindung, welche durch den Gebrauch bestimmter Adjektive zur Schmerzbeschreibung operationalisiert ist (z.B. grausam, unerträglich, usw.), kann als Hinweis auf die besondere Bedeutung psychischer Einflußfaktoren gewertet werden (Nilges et Wichmann-Dorn 1992). Zur Erfassung der affektiven Schmerzempfindung ist der Einsatz standardisierter Schmerzskalen wie der "Hamburger Schmerz-Adjektiv-Liste (HSAL)" von Hoppe (1991) empfehlenswert.

2.2 Verfahren der Informationserhebung

Grundlage einer psychologische n Diagnostik chronischer Schmerzen ist nach verhaltenstherapeutischem Verständnis die situative und kontextuelle Verhaltensanalyse.

Zentrale Inhalte der situativen Verhaltensanalyse sind:

·        Genaue Beschreibung des Ist-Zustandes auf der subjektiv-kognitiven, verhaltensmäßigen und physiologischen Ebene.

·        horizontale Analyse der Ist-Situation unter Berücksichtigung physikalischer, soziokultureller, psychologische r und biologisch-physiologischer Variablen als den Schmerzen unmittelbar vorausgehenden Bedingungen oder ihnen folgende Konsequenzen.

·        Analyse der ursprünglichen Entwicklung der Schmerzen

·        Analyse des subjektiven Krankheitsmodells ("Health-Beliefs-Model").

·        Analyse des bisherigen Umgangs mit den Schmerzen.

Zentrale Inhalte der kontextuellen Verhaltensanalyse sind:

·        Analyse von Plänen und Regeln (z.B. "Ich muß alles immer perfekt machen" oder "Ich habe das Recht auf einen völlig gesunden Körper").

·        Analyse der Struktur und Dynamik von Systembedingungen, d.h. Einbettung der Schmerzproblematik in das soziale Gefüge, das Gesundheitssystem und dergleichen.

Inzwischen liegen Interviewleitfäden für die verhaltensanalytische Erfassung chronischer Schmerzen im allgemeinen aber auch spezifischer chronischer Schmerzsyndrome vor (z.B. Blanchard et Andrasik 1991 für Kopfschmerzen).

Die Diagnostik schmerzrelevanter psychischer Störungen sollte unter Zuhilfenahme einschlägiger psychopathologischer Klassifikationssysteme bzw. strukturierter Interviews erfolgen.
Der Einsatz von Fragebögen kann weitere, für die Schmerzbehandlung relevante Informationen liefern (Tabelle 4.1).

Tabelle 1.  Fragebögen und Explorationshilfen zur psychologische n Schmerzerfassung

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Erfassungsgegenstand                                              Fragebögen/Explorationshilfen 
                                                                                                (Auswahl)
----------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Schmerz:                                                Schmerzzeichnung, Schmerztagebuch,
                                                              Numerische Ratingskala, HSAL, 
sonstige körperliche                                      
Beschwerden:                                         Beschwerden-Liste (B-L; Zerssen 1976b)
Depression:                                    
         Depressivitätskala (D-S;Zerssen 1976c) 
Angst:                                                     State-Trait-Angstinventar (STAI) von Laux,
                                                              Glanzmann, Schaffner & Spielberger (1981)
Ärger:                                                     Fragebogen zur Erfassung von Aggressivitäts-
                                                              faktoren (FAF) von Hampel und Selg (1975)
Krankheitsverarbeitung                    
         Freiburger Fragebogen zur Krankheits-
bzw. -bewältigung:                                   verarbeitung (FKV; Muthny 1988) 
Soziale Kompetenzen:                        
      Unsicherheits-Fragebogen (Ullrich und
                                                              Ullrich de Muynck 1982)
Aktivität:                                                  Aktivitätenliste (z.B. Seemann 1993)
Streß:                                                     Streßverarbeitungsfragebogen (SVF) von 
                                                              Janke, Erdmann und Boucsein (1985)    

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Da bei der Entstehung und/oder Aufrechterhaltung der meisten chronischen Schmerzsyndromen auch psychophysiologische Faktoren beteiligt sind, sollten auch psychophysiologische Diagnosemethoden zur Anwendung kommen. Hervorzuheben sind dabei die Elektromyographie (= die Registrierung der bioelektrischen Aktivität der Muskulatur) bei Spannungskopfschmerzen, Rückenschmerzen oder Kiefergelenksschmerzen und die Photoplethysmographie (= Darstellung der unterschiedlichen Streuung infraroten Lichtes durch gut bzw. schlecht durchblutetes Gewebe) bei Migräne.

2.3 Klassifikationssysteme

Bisher gebräuchliche Klassifikationssysteme für den Bereich "chronischer Schmerz" wie das der "International Association of the Study of Pain (IASP)" (vgl. Bonica 1990a), das DSM-III-R (Wittchen, Saß, Zaudig et Koehler 1989) oder ICD-10, Kapitel V (F) (Dilling, Mombour et Schmidt 1991), haben den Nachteil, daß die psychosozialen Anteile der chronischen Schmerzen nicht ausreichend berücksichtigt werden.
Eine Alternative im deutschen Sprachraum bietet die "Multiaxiale Schmerzklassifikation - Psycho-soziale Dimension (MASK-P)" die in Ergänzung zur somatischen Dimension der MASK-S an-gewandt werden sollte. Die MASK-P ist an verhaltenstheoretischen Modellvorstellungen orientiert und kann wichtige Aspekte für die Therapieplanung aufzeigen (vgl. Klinger, Hasenbring et Pfingsten 1992).

3. Motivation zur psychologische n Schmerzbehandlung

Oft werden von Patientinnen und Patienten Vorbehalte gegenüber einer psychologische n Diagnostik und Behandlung ihrer Schmerzen geäußert.
Als Erklärung dafür können vielfältige Gründe genannt werden:

1.     Das Behandlungspersonal unterscheidet offen oder verdeckt (Vorsicht, der Pat. nimmt oft mehr wahr als wir meinen!) zwischen "echten Schmerzen", d.h. solchen, bei denen eine ausreichende organische Verursachung gefunden zu sein scheint und "eingebildeten Schmerzen" von "Spinnern", Simulanten oder "Rentenjägern", bei denen bislang keine oder keine adäquate organische Ursache gefunden werden konnte. Daß eine solche Einstellung die Therapiemotivation der Patienten untergräbt und deren organische Fixierung fördert, ist unmittelbar einleuchtend.
Sie zeugt sowohl von einer Überschätzung des Leistungsstandes der medizinischen Diagnostik im Schmerzbereich als auch der Höhe der Korrelation zwischen organischer Läsion und Ausmaß der Schmerzen (vgl. Nilges et Gerbershagen 1994).

2.     Die in weiten Bereichen der Öffentlichkeit vorherrschende Meinung, daß nur geistig Kranke oder "Verrückte" eine Psychotherapie in Anspruch nehmen, die Gleichsetzung von Psychologie und Psychiatrie sowie der Glaube, daß Schmerzen ausschließlich medizinisch behandelbar seien, stellen ebenfalls Motivationshemmnisse dar.

3.      Eine psychologische Schmerzbehandlung, die erst nach vielen erfolglosen somatischen (= körperlichen)  Therapieversuchen vorgeschlagen wird, muß unglaubwürdig wirken. Häufig sind dann Gedanken zu finden wie "Wenn meine Hausärztin wirklich von dieser Psychotherapie überzeugt wäre, hätte sie sie mir gleich vorgeschlagen" oder "Jetzt wissen die Ärzte nichts mehr mit mir anzufangen und schieben mich zum Seelenklempner ab".

Was kann man nun tun, um zur Inanspruchnahme psychologische r Maßnahmen zu motivieren?

Zunächst ist hervorzuheben, daß in erster Linie der Ärzteschaft die entscheidende Rolle bei diesem Motivationsaufbau zukommt, da diese in der Regel vor den Psychologen mit der Schmerzproblematik konfrontiert wird.
Die plausible Vermittlung medizinischer und psychologische
r Modelle der Schmerzentstehung und/oder -aufrechterhaltung sowie die Auflistung aller empirisch abgesicherten diagnostischen Verfahren und Behandlungsmaßnahmen sollte am Anfang jeder Therapie chronischer Schmerzen stehen (vgl. Sorgatz, Franz, Nilges et Seemann 1994).
Ein Erklärungsmodell chronischer Kopf-, Rücken- und Gelenkschmerzen bietet beispielsweise der "Teufelskreis des Schmerzes" (Rehfisch, Basler et Seemann 1989). Dabei geht es um die wechselseitige Beeinflussung von Schmerz, Muskelverspannungen und psychischem Befinden im Sinne eines Aufschaukelprozesses.

Mit Hilfe der Gate-Control-Theorie (Melzack et Wall 1982) können psychophysiologische Schmerzverarbeitungsvorgänge metaphorisch erläutert werden. Es sollten v.a. die vielfältigen Möglichkeiten deutlich werden, mit denen man die Weiterleitung von Schmerz vom Entstehungsort bis zum Gehirn beeinflussen kann.
Durch den Einsatz von Biofeedback
(= Registrierung und Rückmeldung körpereigener, biologischer Signale) läßt sich der Zusammenhang zwischen somatischen und psychischen Prozessen besonders wirkungsvoll verdeutlichen (z.B. elektrodermale Aktivität (= elektrische Hautaktivität) als Indikator allgemeiner Erregung) (vgl. Jungnitsch 1992).

4. Psychologische Schmerzbehandlung

Psychologische Behandlungsverfahren sind in der Therapie chronischer Schmerzen generell als angezeigt anzusehen.
Bei der Indikation ist allerdings die Unterscheidung zweier Grundformen psychologische
r Schmerzbehandlung zu berücksichtigen:

A) Das Schmerzbewältigungstraining, welches grundsätzlich bei allen chronischen Schmerzen zur Anwendung kommen sollte, ist abzugrenzen von einer
B) Psychotherapie bei Schmerz, die beim Vorliegen der unter 2.1 genannten psychosozialen Faktoren angezeigt ist, da diese bestehende Schmerzen verschlimmern und den Erfolg einer Schmerzbehandlung ungünstig beeinflussen können.

ad A) Von einem psychologische
n Schmerzbewältigungstraining können prinzipiell alle Patienten mit chronischen Schmerzen profitieren.   

Es sollen im folgenden Einzelbausteine eines solchen Trainings skizziert werden. Diese können sowohl zu einem Gruppenprogramm zusammengestellt als auch separat angewandt werden.

1)    Die Vermittlung eines plausiblen Modells der Wirkungsweise
     
   der eingesetzten Verfahren sollte immer am Anfang erfolgen (vgl. 3.)

2)    Entspannung

Bei chronischen Schmerzzuständen wird v.a. die progressive Muskelentspannung nach Jacobson (PMR) empfohlen. Aber auch andere Entspannungstechniken wie z.B. Autogenes Training oder Atementspannung können je nach individueller Bevorzugung der Patienten effektiv sein.

3)    Biofeedback

Mit Hilfe eines Biofeedback-Gerätes werden normalerweise unbewußt abgelaufene physiologische Vorgänge verstärkt und in optische oder akustische Signale umgewandelt. Der Patient kann somit die betreffenden Körpervorgänge wahrnehmen und über, im einzelnen noch ungeklärte Prozessen, willkürlich in die erwünschte Richtung verändern.

Erst wenn die ökonomischere Form der progressiven Muskelentspannung nach Jacobson versagt, sollte bei Spannungskopfschmerz, kombiniertem Kopfschmerz, Migräne und chronischen Wirbelsäulensyndromen das Elektro-myographie-Feedback angewandt werden. Kombiniertes Hauttemperatur-Feedback oder Vasokonstriktions-Feedback (= Rückmeldung des Durchblutungszustandes) kann bei Migräne empfohlen werden.

4)    Hypnotische und imaginative (= die Fähigkeit zur bildhaften Vorstellung von
   
       Situationen u.Gegenständen betreffende)
Verfahren

Hypnose ist eines der ältesten psychologische n Behandlungsverfahren bei chronischen Schmerzen unterschiedlichster Art. Hypnotische Techniken und imaginative Übungen lassen sich definitorisch nur schwer voneinander abzugrenzen.

Man unterscheidet u.a. zwischen schmerzinkompatiblen Imaginationen (z.B. Anleitung zur Vorstellung einer angenehmen Situation) und transformierenden Imaginationen (z.B. Vorstellung, daß das schmerzende Bein in einem Eisenstiefel steckt, dessen Schrauben langsam gelöst werden).

Als besonders wirkungsvolle Anwendungsbereiche gelten die hypnotischen Behandlungen von Phantomschmerzen, Krebs- und Kopfschmerzen. Für die Stabilisierung der Erfolge scheint der Übergang von der fremdangeleiteten Suggestion zur Autosuggestion wesentlich zu sein.

5)   Vermittlung innerer und äußerer Ablenkungsmöglichkeiten

Erfahrungsgemäß gibt es bei leichten bis mittleren Schmerzen viele wirkungsvolle Ablenkungsstrategien. Bei der Verwendung externer Stimuli zur Ablenkung (z.B. spannendes Video, Entspannungsmusik, gymnastische Übungen, Konzentration auf angenehmen Genuß oder Geschmack) ist auf deren Verfügbarkeit im Alltag und deren ausreichende Attraktivität zu achten. Nach innen gerichtete Ablenkungstechniken beinhalten u.a. die Konzentration auf Gedanken, Lern- und Gedächtnisaufgaben.

6)     Operante Verfahren

Unter dem Begriff "operantes Verfahren" versteht man ein Verhalten, das durch seine Folgeerscheinungen (verschiedene Formen der Verstärkung/Belohnung oder Bestrafung) kontrolliert wird. Ziel der operanten Verfahren ist die Beeinflussung operanten Schmerzverhaltens durch Verstärkung und Bestrafung, beispielsweise von exzessivem Schmerzverhalten in den Bereichen:

- körperliche Schonung: Genese durch Bestrafung von Aktivität durch Schmerz. Therapie durch langsamen Aufbau von Aktivität, die unterhalb der Schmerzschwelle bleibt. Belohnung dieser Aktivitäten.
- Jammern und Klagen: Genese über Verstärkung durch besondere Zuwendung. Therapie durch Löschung (keine Zuwendung mehr bei exzessivem Klagen, dafür Verstärkung von nicht- schmerzbezogener Kommunikation).
- Schmerzmittelkonsum: Genese durch Reduktion von Schmerz. Therapie über die Gabe der Medikamente nach einem festen Zeitschema und allmähliche, vom Patienten unbemerkte Reduktion der Dosierung (Verabreichung der Medikamente in flüssiger und geruchsneutraler Form allmähliche Verdünnung).

7)    Abbau hinderlicher und Aufbau förderlicher Kognitionen

Unter dem Begriff Kognition fallen Prozesse wie Wahrnehmung, Erkennen, Vorstellen, Urteilen, Gedächtnis, Lernen und Denken. Zunächst ist auf die Bedeutung von Kognitionen für die emotionale Befindlichkeit im allgemeinen und für das Schmerzerleben im besonderen einzugehen. Dabei kann das ABC-Modell der Rational-Emotiven Therapie als Grundlage dienen. Nicht der Schmerzreiz an sich (Activation event) führt zu depressiven Gefühlen (Consequences) sondern der Gedanke (Beliefe system) "Mir kann niemand mehr helfen". Weitere Schritte betreffen das Auffinden und Ersetzen hinderlicher Kognitionen (z.B. "Nichts hilft gegen meine Schmerzen") und das Einüben förderlicher Kognitionen (z.B. "Wenn ich mich ablenke, spüre ich die Schmerzen nicht mehr so stark").

Bei allen genannten Verfahren ist darauf zu achten, daß diese lege artis vermittelt und von den Patienten vorschriftsmäßig durchgeführt werden. Ein ungeschulter Behandler, der an den Beschwerden des Patienten orientierte Gespräche mit der Durchführung einer kognitiven Verhaltenstherapie gleichsetzt, braucht sich über die ausbleibenden positiven Effekte ebensowenig zu wundern, wie eine Patientin, die die Muskelentspannung nicht ausreichend übt.

Einen ausführlicheren Überblick über psychologische Behandlungsverfahren bei chronischen Schmerzen geben Keeser, Pöppel und Mitterhusen (1982); Basler, Franz, Kröner-Herwig, Rehfisch und Seemann (1990) sowie Geissner und Jungnitsch (1992).

ad B) Eine Psychotherapie bei Schmerz kann natürlich die Elemente des Schmerzbewältigungstrainings enthalten. Primär zielt sie jedoch auf psychosoziale Probleme ab, die zusätzlich zu den Schmerzen bestehen und von denen anzunehmen ist, daß sie für die Schmerzentstehung und/oder -aufrechterhaltung relevant sind.

Eine Psychotherapie ist etwa dann indiziert, wenn neben den Schmerzen auch eine depressive Störung vorliegt oder die Schmerzen durch ihre wichtige Funktion innerhalb der Partnerschaft aufrechterhalten werden (z.B. Rücksichtnahme/Hilfestellung des Partners erst seit dem Bestehen der Schmerzproblematik).

Für viele psychische Probleme (z.B. Ängste, depressive Störungen, usw.) stellt die "Kognitive Verhaltenstherapie" ein wirkungsvolles psychologische s Behandlungsverfahren dar, das i.d.R. im Rahmen von Einzelsitzungen angewandt wird.

Leidet ein Patient neben den Schmerzen zusätzlich unter Streß, muß er nicht unbedingt in Einzelsitzungen behandelt werden. Das Streß - und Schmerzbewältigungstraining (SBT) von Flor (1991) ist beispielsweise als Gruppenprogramm konzipiert. Es umfaßt im wesentlichen

                    a) die Erläuterung des Zusammenhangs von Schmerz und Streß,

                    b) ein Training der Patienten in Problemanalyse und Streßidentifikation,

       c) ein Training von Streßbewältigungsfertigkeiten (Entspannung, Änderung der 
           Selbstgespräche in Streßsituationen, Veränderung der Aktivitätspläne, usw.),

                    d) Hilfestellung bei der Übertragung in Alltagssituationen und

                    e) die Erarbeitung von Strategien zum Umgang mit Versagen bzw. Rückfällen.

Auch bei folgender Problemkonstellation kann auf ein im Vergleich zu Einzeltherapie ökonomischeres Gruppenverfahren zurückgegriffen werden:

Eine Patientin berichtet, sie habe schon länger Schwierigkeiten, sich gegenüber Forderungen anderer abzugrenzen (z.B. "nein" zu sagen), da sie fürchte, sonst nicht mehr gemocht zu werden. Mit der Zeit habe das zu einer ständigen Überforderung geführt. Seitdem sie aber unter den Rückenschmerzen leide, falle ihr die Abgrenzung wesentlich leichter: der Hinweis auf die Schmerzen reiche als Begründung.

Die erfolgreiche Behandlung der Rückenschmerzen würde in diesem Fall ein Wiederauftreten der Abgrenzungsproblematik bedeuten. Um zu verhindern, daß diese Patientin "vom Regen in die Traufe" kommt bzw. die psychosoziale Problematik zum Hemmnis für eine Schmerzbesserung wird, kann ein "Gruppentraining sozialer Kompetenzen" (Pfingsten et Hirsch 1991) durchgeführt werden.

Wichtige Trainingselemente beziehen sich auf die

a) kognitive Ebene (z.B. Unterscheidung verschiedener, sozialer Situationen, die
     jeweils unterschiedliche soziale Kompetenzen erfordern),

b) die emotionale Ebene (Erlernen einer Kurzentspannung, die in der
     problematischen Situation eingesetzt werden kann) und

c) die motorische Ebene (Verhaltenstraining in Rollenspielen mit Videofeedback).

Alle oben genannten Verfahren sind auf ihre Effektivität hin überprüft worden. Dies sollte allerdings nicht dazu verleiten, auf die Verlaufsdokumentation der Schmerzen bei jeder erneuten Anwendung zu verzichten. Alle Veränderungen der Durchführungsbedingungen gegenüber der Orginaluntersuchungen bedürfen der besonders sorgfältigen Kontrolle.

Als Instrumente für die Verlaufskontrolle können die unter 2.2 genannten Fragebögen, Listen und Protokolle verwendet werden, sofern ihre Veränderungssensivität nachgewiesen ist. Seemann (1993) empfiehlt u.a. die numerische Ratingskala, die B-L, die D-S, die HSAL, die Aktivitätenliste und das Schmerztagebuch zur Verlaufsdokumentation.

Die praktische Arbeit mit Schmerzpatienten hat nicht zuletzt gezeigt, daß es günstig ist, sich fortlaufend einen Überblick über die gängigen schmerzbezogenen Selbsthilfeempfehlungen in Büchern, Zeitschriften oder im Fernsehen zu verschaffen, um diese an Patienten weitergeben oder ggf. korrigieren zu können.

Hilfe zur Selbsthilfe geben - das ist letztlich das oberste Ziel psychologischer Interventionen. Auch bei chronischen Schmerzen.

Hier noch eine sehr gute psychologische Literaturempfehlung: Schmerzen überwinden (einfach anklicken)

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